Der Türwarnton


Diiieee, daaah, düüü - 25 Jahre Wohltat oder Terror?

Ohne Ende: Bereits 4,25 Milliarden Mal ertönte das S-Bahn-Warnsignal -
Reich wurde der Erfinder des Dreiklangs nicht

Berlin (dpa) "Diiieee, daaah düüüh". Es ist eine warm und satt klingende Tonfolge. Ein Wohllaut, ein Evergreen, ein Ohrwurm. Es ist seit fast 25 Jahren die von unzähligen Millionen Menschen meist gehörte Melodie in ganz Berlin. Und dennoch könnte sie auf Anhieb kaum einer in der Hauptstadt nachsummen. Hier rein, da raus aus den Ohren: Im Amtsjargon der S-Bahn ist es ein "Dreiklang-Türenschließ-Warnsignal".

Das "diiieee, daaah düüüh" warnt die Fahrgäste nach dem Aufleuchten des Rotlichts über den Türen noch einmal Sekunden vor der Abfahrt der Züge. Zum Schließen der 24 Türen bei jedem der 52.000 Zughalte in Berlin brummt es genau 1.248.000 Mal am Tag. Hätte ein Komponist einst die Rechte an der Tonfolge besessen, wäre er längst Multimillionär. Und selbst Dieter Bohlen kann solche Zahlen nicht vorweisen: Nach einer Hochrechnung erklang der spezielle Berliner Gassenhauer, zu dem das Unternehmen 1979/80 noch in der DDR ganz umsonst kam, rund 4,25 Milliarden Mal.

Sein Erfinder, der früherer Betriebsingenieur und jetzige Leiter Fahrdienst, Gerhard Iben [*], ist nicht reich geworden und kommt jeden Tag brav zur Arbeit. "Wir haben uns damals in einem kleinem Hinterzimmer mit einem Tonfrequenzgeber unermüdlich viele, viele Töne angehört." Und damals hörte nicht die Stasi, sondern der arbeitsmedizinische Dienst der DDR mit. "Es durfte nichts Schrilles sein, die Fahrgäste sollten ja nicht aufgeschreckt sein", sagt Iben. Ganz früher, erzählt der heutige S-Bahn-Sprecher Ingo Priegnitz, gab es mit Klingeln versehene außen liegende Kugellampen. Wie die weit hervor stehenden Glotzaugen von Fröschen sah das aus. Aber mittlerweile warnt die moderne S-Bahn nur noch summend - vollkommen digital. "Da auf den Abspielbändern noch die Erstfassung eingespeichert ist, können ganz Geübte Bruchteile von Sekunden vor dem Dreiton ein Knistern hören".

Anfangs gab es Beschwerden. So mancher Fahrgast, der schlafen wollte fühlte sich gestört. Doch die meisten haben sich daran gewöhnt. "Viel schöner als in der U-Bahn", sagt die Verkäuferin Angela Schilling auf dem S-Bahnhof Friedrichstraße. Im Untergrund fahren die Gelben mit einem durchgehenden Signalton ab, eher ein lästiger Trompetenstoß. Oben auf dem S-Bahnsteig sind sich eine Krankenschwester, ein Yogalehrer und ein arbeitloser gelernter Bäcker nach längerem Hinhören einig: C, G, C auf der Tonleiter. Die Krankenschwester fährt nach Mahlsdorf, der Lehrer nach Ahrensfelde, der Bäcker nach Zoologischer Garten, alle mit derselben Melodie.


[*] Anmerkung der Redaktion: Herr Gerhard Iben ist mittlerweile im Ruhestand.

Autor:
Hans-Rüdiger Bein

Quellenbezug:
Mit freundlicher Genehmigung der Märkischen Oderzeitung, Artikel vom 15. März 2004

letzte Änderung:
26. Oktober 2008

Veröffentlichung:
26. Oktober 2008

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