Mit Großvater ins Bahnbetriebswerk Wannsee


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Ich bin Jahrgang 1957 und bin sozusagen mit der S-Bahn aufgewachsen. Mein Großvater, Karl Völz, wohnte damals als Reichsbahner in der Steegerstraße 10 am S-Bahnhof Wollankstraße. Das waren damals Wohnungen die nur an Bahnbedienstete vergeben wurden. Ich wohne ebenfalls seit 1982 direkt am S-Bhf. Wollankstraße. Seit 1966 kenne ich die Gegend gut und erlebte die Mauer bis zur Grenzöffnung im Jahre 1989. Die Wollankstraße war durch die Mauer wie eine Enklave. Am Bahnhof war Schluss und somit war Abends die Ruhe eingekehrt.

Mein Großvater, Karl Völz, arbeitete bei der Reichsbahn als Schlosser im Bahnbetriebswerk Wannsee. Für mich als kleiner Junge von 9 Jahren war es immer aufregend, wenn ich meinen Opa zum Schuppen Wannsee begleiten durfte. Natürlich nicht mit zur Arbeit, sondern wenn er seinen Lohn abholte oder andere Sachen. Das war aufregend, denn immer fragte ich meinen Opa ob er den Fahrzeugführer kannte. Meistens kannte er einen und somit durften wir vorne im Führerstand mitfahren. Von Wollankstraße bis nach Wannsee fuhr man schon so um die 50 Minuten. In Wannsee mussten die Fahrgäste aussteigen und wir durften mit bis fast zum Schuppen. Dort wechselte der Zugführer die Seiten und ich bin mit meinen Opa zum Schuppen gelaufen. Daran erinnere ich mich bis heute gerne zurück.

Einmal durfte ich sogar von Wannsee bis Friedrichstraße den Knopf zum Fahren drücken. Das hat Spaß gemacht und im Bahnhof Friedrichstraße musste der Zug ein paar Minuten halten, da ich fast immer volle Pulle gedrückt habe. Bremsen hat der Zugführer gemacht mit einer seitlichen Bremse rechts neben dem Fenster. Die alten Züge hatten damals ihren eigenen Charme. Früher fuhr sogar meistens ein Zugbegleiter mit und gab für den Zugführer das Abfahrtssignal. An die Scheibe draußen klopfen bedeutete Türen schließen, dann trat er an die offene Tür und rief Abfahren.
Später wurde alles über Funk geregelt.

Tja, mein Opa war fast 29 Jahre bei der Reichsbahn und bekam immer Auszeichnungen. Die DDR war ja berühmt für ihre Orden und Auszeichnungen. Vieles davon habe ich noch. Jedoch hat sich mein Opa nie viel daraus gemacht und war auch nicht in der SED. Leider musste er vorzeitig in Rente gehen, da er durch einen Unfall im Schuppen sein Bein verlor.

Ich fahre noch heute gerne S-Bahn und sehe die Entwicklung, die immer weiter voranschreitet. Schön ist auch, dass die S-Bahn die Strecken wieder fährt, die früher durch die Mauer getrennt waren.


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Autor:
Thomas Völz

letzte Änderung:
8. September 2016

Veröffentlichung:
8. September 2016

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